Man reist, um Vielfalt zu erfahren – etwas Abstand vom Alltag tut immer gut. Man reist, um sich zu verstehen. Urlauben, sich mobilisieren, bedeutet auch, einen neuen Biorhythmus und ein neues Gleichgewicht zu finden. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass wir nicht der Mittelpunkt der Welt sind: Unser Bedürfnis und unsere Fantasien haben allzu oft große Auswirkungen.
Demnach ist ein guter Tourist laut Associazione Italiana Turismo Responsabile (Italienischer Verband für verantwortungsvollen Tourismus) derjenige, der nur seine eigenen Fußspuren hinterlässt: So hinterlassen BikerInnen also nur die Spuren ihrer MTB-Reifen (idealerweise nicht auf den Schuhen der Fußgänger!).
Sanft, ökologisch, kompatibel, ethisch, leicht, integriert, grün, bewusst – das sind die Stichworte der letzten Jahre. Manche mehr, manche weniger, aber wir alle sind vom Gedanken eines allmächtigen, räuberischen Tourismus zu einer bedachten, respektvollen Urlaubsmentalität übergegangen. Der Grundgedanke dabei – dass die Ortschaften weniger Destinationen und vielmehr Kulturgüter sind, deren Sprachrohr ihre Landschaft ist: Schätze der Identität, der Erinnerung, der Sprachen, der materiellen Kulturen, der symbolischen und emotionalen Botschaften. Am Gardasee ist der Winter keine „tote“ Jahreszeit. Hier wird das ganze Jahr über gelebt, gearbeitet, geliebt.
Nachhaltigkeit ist eine Kultur der Grenzen. Und meistens sind Grenzen kein Hindernis, sondern ein Segen – für BesucherInnen und Einheimische gleichermaßen. Letztendlich ist es eine Wahl: So wie jene, die das Garda Trentino in puncto motorisierte Schifffahrt getroffen hat. Diese zu verbieten war eine wichtige Entscheidung, denn die Soundscape trägt als Teil der Landscape genauso zur Atmosphäre des Ortes bei. Haben denn nicht auch unsere Enkelkinder – Ansässige und Auswärtige – das Recht, die Landschaft und eine gute Lebensqualität zu genießen?
Dabei sei klar: Nachhaltiger Tourismus ist weder eine Modeerscheinung noch eine Nische. Der gesamte Tourismus muss – so eine Empfehlung des Europäischen Rates – eines Tages nachhaltig werden!
Raum für Neugier. Auf steilen Wegen wandern und dabei ungewöhnlichen Gedanken nachgehen. Dem Flüstern des süßen Wassers auf den Kieselsteinen des Strandes lauschen. Umherwandern. Sich selbst überraschen, sich neuen Gefühlen und neuen Erfahrungen öffnen. Denn wenn alles vorprogrammiert ist, welchen Reiz hat es dann noch?
Dieser Beitrag wurde in der zweiten Ausgabe von BLU, dem Magazin des Garda Trentino, veröffentlicht. Er lädt dazu ein, das Reisen neu zu denken - als Beziehung: zu Orten, zu den Menschen, die dort leben, und zu den Grenzen, die sie lebendig machen. Im Garda Trentino ist die Landschaft keine Kulisse, die es zu konsumieren gilt, sondern ein Gleichgewicht, das achtsam durchquert werden will. Grenzen zu akzeptieren bedeutet, dem Zuhören Vorrang zu geben, Raum für Stille zu lassen, für Langsamkeit und Unerwartetes. Genau daraus entsteht eine neue Art des Reisens - und des Lebens.
Der Autor: Duccio Canestrini
Duccio Canestrini lehrt Anthropologie des Tourismus im Studiengang der Tourismuswissenschaften der Fondazione Campus in Lucca (Universität Pisa). Als Korrespondent der Geographie-Zeitschrift „Airone“ hat er alle Kontinente bereist und Regie für Dokumentarfilme und -audios über die Beziehung zwischen Mensch und Ambiente geführt. Er hat etwa ein Dutzend Bücher geschrieben, darunter Antropop. La tribù globale, Trofei di viaggio, Non sparate sul turista und Andare a quel paese.