Zu Fuß lässt sich ein Gebiet am besten erkunden – überhaupt dann, wenn es über einen gut ausgewiesenen Rundgang verfügt. Ich entscheide mich deshalb für den Waalweg von Calavino, der den vielen Handwerksberufen gewidmet ist, die dank der Kraft des Wassers entstanden sind.
Mein Fahrzeug lasse ich am Eingang zu Padergnone zurück, einem Dörfchen am Santa-Massenza-See, und mache mich auf nach Calavino. Die Natur gewinnt unterwegs langsam die Überhand, sie verdrängt das Dorf und den Wasserspiegel unter mir aus meinem Blickfeld. Ich hätte nie damit gerechnet, auf einen Ort zu stoßen, der so gänzlich in die Natur eingebettet ist und doch – nicht zu unterschätzen – so nah an den meistbesuchten Dörfern des Gardasees liegt.
Es handelt sich um einen Spaziergang von fast vier Kilometern auf dem alten Verbindungsweg zwischen dem unteren Valle dei Laghi, das einst ein Sumpfgebiet war, und dem oberen Tal – mit einem Höhenunterschied von maximal 114 Metern. Der Weg führt in die Schlucht von Canevai, deren Name vom Wort canef herrührt, einem Leinentuch, das zum Einweichen entlang des Waals ausgelegt wurde. Der Waal selbst ist ein künstlich angelegter Kanal, der das im Bus Foràn entspringende Wasser in den wunderschönen, wenn auch nicht zum Schwimmen geeigneten Tobliner See auf der darunterliegenden Ebene leitet.
Zum schönsten Abschnitt des Weges gelangt man gleich am Anfang, wenn es durch die Schlucht geht, in die sich der Waal gegraben hat. Der Duft des Unterholzes, das feuchte Aroma der Pflanzen am Bachufer und das Rauschen der Wasserfälle begleiten den angenehmen Anstieg, der die unzerstörbare Verbundenheit zwischen dem Dorf und dem Wasser des Waals beschreibt. Dabei hat der Waal einen einzigartigen natürlichen Lebensraum geschaffen – so stoße ich unterwegs beispielsweise auf eine seltene steinerne Quelle, in der sich Tuffstein oder Travertin bilden.
Der Rundgang führt weiter zu Schauplätzen, die vom Ökomuseum des Valle dei Laghi wiederbelebt wurden – darunter auch Mühlen und Fischzuchtbetriebe. Sie erzählen von Traditionen, die eng mit der örtlichen Vergangenheit und dem Entstehen der zahlreichen Fabriken verbunden sind, von denen heute nur noch wenig bleibt.
In Calavino angekommen, hat man schließlich die Möglichkeit, sich ein Bild von dem Dorf zu machen, das hier auf 460 Metern über dem Meeresspiegel zwischen Weinbergen und Obstgärten entlang des Waals entstanden ist und bis ins 19. Jahrhundert von Läden, Schmieden, Spinnereien und Werkstätten geprägt wurde.
Ich verliere mich in den Fluren, zwischen alten Maschinen zur Materialverarbeitung und den Erzählungen der BewohnerInnen, bevor ich zurück in die Schlucht hinab steige – diese öffnet sich diesmal zu den Nosiola-Weinbergen hin, aus denen der edle Süßwein Vino Santo Trentino DOC hervorgeht. Ein runder Abschluss für diesen unvergesslichen Ausflug, wie ich finde.
Dieser Beitrag wurde in der zweiten Ausgabe von BLU, dem Magazin des Garda Trentino, veröffentlicht. Er ist dem Waalweg von Calavino gewidmet – einer Route, die Natur, Wasser und die lebendige Erinnerung des Valle dei Laghi verbindet. Ein Weg zum Erwandern, um eine der authentischsten Landschaften der Region kennenzulernen.